Engagierte Gelassenheit
Mitten im Alltag, in Hektik und Betriebsamkeit wünschen wir uns Gelassenheit. Wir assoziieren wünschenswerte Haltungen mit diesem Begriff wie innere Ruhe, Ausgeglichenheit, notwendige Distanz und Perspektivwechsel.
Der Philosoph Wilhelm Schmid versteht Gelassenheit als wichtigen Bestandteil moderner Lebenskunst und bezieht sich dabei auf die Schule der Stoa. Wirkung und Verdienst von Gelassenheit bestehen darin, dass der Mensch reflektiert „zugunsten eines Lassens auf das Machen, Wollen, Gestalten zumindest sporadisch zu verzichten bereit ist.“ (Schmid). Reflektierter Verzicht auf Handeln ist das Gegenteil von einem „sich-treiben-lassen“ oder einem „in-den-Tag-hineinleben“. Es ist eben nicht träge Passivität gemeint, sondern eher aktive Ausdauer und gute Kondition im Wartenkönnen. Dies bedeutet eine besondere Art der Herausforderung und Leistung, weil die moderne Natur durch stetiges Tun und Handeln charakterisiert ist. Sich im gelassenen Sein einzuüben bedeutet, das Wagnis des Umdenkens einzugehen und darauf zu vertrauen, dass eine gute Kondition im Wartenkönnen zum Erfolg führt.
Gelassen zu sein ist auch ein Gewinn für die innere Freiheit und Weite. Menschen, die gelassen in ihrem Tun sind, sind Freigeister mit einem weiten Herzen. Es braucht Mut zur Offenheit, um eine Haltung des Lassens und der Absichtslosigkeit einzuüben und zu praktizieren. Gelassenheit steht in enger Verbindung zum Loslassen – ein Ethos, das mir aus der Hospizarbeit sehr vertraut ist. Zugleich bewegt uns die Frage: was trägt, wenn ich loslasse? Kann ich es wagen loszulassen und Vertrauen entwickeln, dass es das Leben gut mit mir meint?
»Menschen, die die lebensbehindernden Mechanismen durchbrechen können, indem sie alltäglich ein Ritual des Zu-sich-selber-Kommens entfalten, leben und arbeiten effizienter und kreativer und tragen zu einer menschlicheren Atmosphäre am Arbeitsplatz und zu Hause bei. Zugleich werden sie solidarischer und mitfühlender, weil sie, mühsam und befreiend zugleich, sich selber und die Signale ihres Körpers ernst nehmen.« (Pierre Stutz)
Coachingtipp:
Nehmen Sie sich täglich zehn Minuten Zeit zum Innehalten, zum besinnlichen Denken, zur Ruhe, Meditation oder Gebet. Sie werden erfahren, dass Sie authentischer und gelassener leben. Dieser Weg ist nicht einfach, benötigt Disziplin und auch die Erfahrung des Scheiterns gehört dazu. Es ist ein Lebens-lern-weg!
Literatur:
Pierre Stutz: Gelassen sein. Kreuz Verlag 2010 Wilhelm Schmid: Einsetzen von Lebenskunst: Gelassenheit. In: Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst. Suhrkamp Verlag 2000
www.ethosbildung.de
Text zum Hören:
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