Hören auf die Stille
Der Advent hat begonnen. Ich glaube, in keiner Jahreszeit sehnt sich unser Geist mehr nach Ruhe und Stille. Dennoch ist sie gerade jetzt zerbrechlich und gefährdet. Wir Menschen sind angelegt auf die Sprache des Wortes. Zugleich gibt es eine Sprache des Schweigens, wie der Philosoph Wilhelm Weischedel in „Philosophische Grenzgänge“ zeigt. Die Dialektik von Wort und Schweigen gehört zu unserem Menschsein und ist zugleich eine Herausforderung. Wir Menschen sind die Wesen des logos, des Wortes oder vielleicht besser übersetzt: des sinnvollen und vernünftigen Wortes. Zugleich brauchen wir – mehr als früher – den Gegenpol der Worte: das Schweigen. Ohne Schweigen gäbe es keine Worte und ohne Worte würde das Schweigen an Bedeutung verlieren. Das Schweigen ist der Raum, aus dem die inhaltsreiche Sprache emporsteigt, wie Kierkegaard formuliert: „Allein der, welcher wesentlich schweigen kann, vermag wesentlich zu reden.“ Das Schweigen ist also mehr als Nicht-Reden oder Sprachlosigkeit, es hat seinen eigenen Modus und seinen eigenen Sinn. Wenn das Wort nicht mehr an das Schweigen gebunden ist, wird es leer.
Wenn wir uns einlassen auf das Schweigen und die Stille kann dieses im Inneren für große Unruhe sorgen. Vielleicht meiden wir es deshalb so sehr und wählen immer wieder eine Fülle von Worten und umgeben uns ständig mit Geräuschen. Die Stille ist der Raum für besinnliches Denken, für die Zuwendung zu sich selbst, für Erwägung, Betrachtung und Reflexion. All das fassen wir unter Meditation zusammen. Carl Friedrich von Weizsäcker hat in einem „Gespräch über Meditation“ gesagt: „Es ist ein Stillwerden des bewussten Getriebes und es meldet sich, es zeigt sich etwas, war auch vorher immer da war. Überhaupt man wird durch die Meditation kein anderer, sondern man wird der, der man immer gewesen ist.“ In der Meditation oder in Zeiten der Stille begegnen wir also unserem Wesenskern. Manchmal ist es ja gar nicht so angenehm zu sehen, wem wir da begegnen, was wir wahrnehmen, spüren und erkennen. Zugleich liegt eine große Kraft im Schweigen verborgen den Alltag mit seinen vielen Anforderungen selbstbestimmt zu gestalten. Denn erst wenn wir unser Selbst gut kennen, können wir auch selbstbestimmt handeln. In der Dialektik von Wort und Schweigen können wir auch die Polarität von Festhalten und Loslassen erfahren. Im Schweigen verzichten wir einen Augenblick auf Wünsche, Pläne und Vorhaben. Hier geht es eher darum, mich selbst zu lassen, um mich zu erkennen. Das Reden ist dann die aktive Seite in uns, die das Schweigen wieder lebendig werden lässt, in dem es das Denken ohne Worte durch die Sprache für die Mitwelt erfahrbar macht.
Coaching-Tipp:
Gönnen Sie sich in dieser Adventszeit an einem Morgen 15 Minuten Zeit für die Stille. Nichts essen, nichts trinken, nicht rauchen, einfach bei Kerzenschein da sein und auf die Stille hören! Vereinbaren Sie in dieser lauten Zeit einen Abendtermin mit sich selbst. Kein Telefon, kein Fernseher, kein Besuch, nichts lesen, nicht joggen, sondern eine halbe Stunde da sein und auf die Stille hören!
Literaturtipp:
Wilhelm Weischedel: Philosophische Grenzgänge. Kohlhammer Verlag
Niklaus Brantschen: Weg der Stille. Orientierung in einer lärmigen Welt. Herder spektrum
Filmtipp:
Die große Stille. Ein Film über den beruhigten Rhythmus des Lebens und das meditative Zeitgefühl der Mönche. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Dieser Film führt uns zurück zu uns selbst. Ein kleines Wunder!“
Text zum Hören:
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