Verantwortung

von Dr. Verena Begemann.

Das klassische Modell der Verantwortung ist gekennzeichnet durch eine wechselseitige Beziehung von Subjekt, Bereich und Bewertungsinstanz. Jemand (Subjekt) ist für etwas (Bereich) vor etwas (Instanz) verantwortlich. Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe definiert Verantwortung als „Zuständigkeit von Personen für übernommene Aufgaben bzw. für das eigene Tun und Lassen, auch für Charaktereigenschaften vor einer Instanz die Rechenschaft fordert“ (Lexikon der Ethik). Aus der Entscheidung, sein Leben gestalten zu wollen, geht die Verantwortlichkeit hervor. Diese bezieht sich zunächst auf die eigene Person. Dabei steht das Individuum nicht nur für sein eigenes Handeln ein, sondern muss sich auch auf der Ebene seines Gewissens vor sich selbst verantworten können. Für den Existenzialisten Martin Heidegger (1889–1976) ist das Gewissen Aufruf an das Selbst und schafft einen Zugang zu verborgenen Antworten, die das Selbst in sich bereithält. Es ist immer gegenwärtig, ruft ohne Worte und zeigt damit, dass die Sprache des Schweigens eindeutig ist, sogar eindeutiger als gesprochene Worte. „Das Gewissen redet einzig und ständig im Modus des Schweigens.“ (Heidegger, Sein und Zeit, § 56,) In der Tiefe des Seins versteht das Selbst die Sprache des Schweigens, auch wenn es sich manchmal gegen Hören und Verstehen innerlich wehrt oder den Ruf ungehört verhallen lassen möchte.

Auch in dem Dialog zwischen Puma-Manager Jochen Zeitz und Benediktinerpater Anselm Grün nimmt die Haltung der Verantwortung eine bedeutende Rolle für kluges und erfolgreiches Handeln ein. Ein kurzer Kapitelausschnitt bietet Anregungen zum besinnlichen Nachdenken: „Drei Gärtner pflegen einen großen Garten. Der erste arbeitete immerzu und lange und verließ seinen Teil des Gartens erst, wenn das gesamte Unkraut entfernt und die Ernte vollständig eingebracht war. Der zweite arbeitete nicht so viele Stunden, aber wenn der Garten seine Aufmerksamkeit erforderte, weil das Korn reif war oder eine Dürre drohte, arbeitete er noch härter als der erste Gärtner. Der dritte Gärtner entschied, dass er eine Zeit der Selbstbeobachtung und Pause benötigte, um seine Berufung und seine Lebensrichtung zu prüfen. Also verließ er den Garten hin und wieder. Welcher Gärtner hat wirklich Verantwortungsbewusstsein gezeigt? […] Der Meister, der uns das Rätsel aufgab, antwortete, dass alle drei wahres Verantwortungsbewusstsein gezeigt haben. Wir brauchen sie alle, nicht nur für einen gepflegten Garten. Verantwortung betrifft nicht immer nur die gerade anstehenden Aufgaben. Manchmal hören wir nur nicht auf unsere innere Stimme, die aus einer höheren Perspektive heraus rät, die Gartenarbeit anders zu verrichten. Wer diese Stimme wahrnimmt, muss unter Umständen das aufgeben, was er jahrelang gedankenlos getan hat. Mit ausreichender Distanz erkennt er die eigenen Fehler und neue Wege, künftig effektiver zu arbeiten. Auf diese Weise kann er ein besserer Gärtner werden. Es ist manchmal nötig, sich auf eine neue Ebene zu begeben, um diese innere Stimme zu hören. Sie führt zu einer Vision, auf einen neuen Pfad beziehungsweise in einen neuen Garten.“ (Grün/Zeitz, 2010, 185/186)

Coaching-Tipp:

Nehmen Sie sich einmal Zeit für ihre innere Stimme. Was verrät sie Ihnen über Ihren Arbeits- und Verantwortungsstil? In welchem Gärtner finden Sie sich wieder?

Literaturtipp:

Anselm Grün / Jochen Zeitz: Gott, Geld und Gewissen. Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach 2010

Otfried Höffe: Lexikon der Ethik. Beck Verlag 2008

www.ethosbildung.de

 

Text zum Hören:

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